Freitag, 21. Dezember 2012

Alle Jahre wieder veranstaltet mein Netzwerk, der Texttreff, eine Blogwichtelei: Wer mitmacht, schreibt einen Artikel für ein fremdes Blog und erhält einen Gastartikel fürs eigene Blog.
Im letzten Jahr hatte Sabine Drasnin gefragt: „Was machen Lektoren eigentlich?” In diesem Jahr geht es um „Die Schönheit des falschen Worts” – ein Beitrag von Julia Ritter, die als freiberufliche Texterin, Autorin und Dozentin in Berlin arbeitet und lebt. Vielen Dank, Julia! Und hier ist ihr Gastbeitrag:
Die Schönheit des falschen Worts
Die Aufgabe von Lektoren ist es unter anderem, nicht ganz richtige, knapp daneben treffende, unsaubere Formulierungen durch ihre makellosen Verwandten zu ersetzen. Lektoren haben den nötigen Abstand, um lieb gewonnene sprachliche Marotten ohne Zaudern auszumerzen. Sie sind Anwälte des Textes, dessen Interessen sie auch gegen das Ego des Autors vertreten. Sie sind die Verfechter des richtigen Worts, und das ist gut, denn es macht Texte leserlicher und verständlicher und normalerweise auch schöner.
Große Literatur durch kleine Tippfehler
Aber manchmal rutscht auch ein Fehler durch, und das kann für Text und Leser eine glückliche Fügung sein. Vor kurzem las ich einen Essay des amerikanischen Autors Richard Ford (Der Sportreporter, Die Lage des Landes etc.). Er erwähnte darin einen Literaturkritiker, der ihn besonders für seine einfallsreichen Adjektive lobte, darunter auch die Wortschöpfung „old-eyed“ in dem Satz: „He looked on her in an old-eyed way.“ Ford freute sich über das Lob, musste aber feststellen, dass das gepriesene neue Adjektiv nur ein Übertragungsfehler war. Ursprünglich hatte er „cold-eyed“ geschrieben, eine weitaus gängigere Formulierung. Das „c“ war irgendwann beim Abtippen verschütt gegangen und auch im Lektorat nicht vermisst worden.
Die Dummheit Poesie der Technologie
Ein anderes Beispiel, ganz ohne Lektorenbeteiligung, dafür aber aus meinem persönlichsten Privatleben: Als ich frisch verliebt in meinen liebsten Freund war – und er in mich – schickte er mir oft SMS-Nachrichten, in denen er mich mit einem eher ungewöhnlichen, aber schönen Kosewort ansprach. Irgendwann sagte ich ihm, wie sehr ich das mochte. Und siehe da: Das Kosewort hatte nicht er sich ausgedacht, sondern die T9-Spracherkennung seines Telefons, die wunderbarerweise das Naheliegende durch das Seltene ersetzt hatte.
Aus Fehlern geboren
Auch einige gute Erfindungen waren eigentlich Fehler. Post-its verdanken wir der Tatsache, dass einer der Klebstoffe, die von der Firma 3M entwickelt wurden, gar nicht richtig klebte. Herr Goodyear entdeckte das Vulkanisieren, weil er Gummi zu nahe an einer Herdplatte liegen ließ (oder bei einer anderen Hitzequelle, wer es genau wissen möchte, muss googeln). Der Mikrowellenofen ist das Ergebnis eines Versuchs, den ein Strahlenforscher mit gänzlich anderer Zielsetzung durchführte (ja, das klingt etwas gruselig). Es gibt noch weitere Beispiele, die sich nicht so gut in einem kurzen Satz erklären lassen, aber in jedem Fall war es so, dass das Neue durch einen Fehler in die Welt kam.
Nicht jeder Fehler ist der Anfang einer wunderbaren Schöpfung
In den meisten Fällen funktioniert das allerdings nicht. Es ist wie mit den Genmutationen: Die meisten bringen keinen Überlebensvorteil oder sogar Nachteile für die mutierte Lebensform, also sterben sie wieder aus. Und die meisten Fehler in Texten, literarischen wie anderen, sind keine tollen Wortneuschöpfungen, sondern führen eher zu Irritationen, Missverständnissen und Überdruss. Wobei ich mit „Fehler“ auch ungünstige Formulieren, labberige Satzkonstrukte und schlampig ausgesuchte oder übertrieben weit hergeholte Wörter meine. Wie gut also, dass es Lektoren gibt, die solche Schwächen erkennen und zum Wohle des Textes und des Lesers verbessern! Und wer weiß: Vielleicht sind die guten Fehler der entsprechenden Lektorin gar nicht durchgerutscht, sondern sie hat einfach ihr Potenzial erkannt.
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Wer mehr von Julia Ritter lesen möchte: Sie bloggt über Berlin, über Buchläden, Milchkaffeekunst, Bücher, Graffiti und das Schreiben: www.juliaritter.com/blog
Einer ihrer Blogartikel – von Juli 2012 – wirkt bei mir immer noch nach: In „Viel zu tun” hatte Julia einen Wochenübersichtsplan als Download verschenkt – dieser Plan zum Ausdrucken ist seitdem nicht mehr von meinem Schreibtisch wegzudenken, ich kann ihn nur wärmstens empfehlen!