Kinderbücher schreiben

Woher kom­men die Ideen? Wie fin­det man einen Ver­lag? Und was bringt das Lek­to­rat? Diese und viele andere Fra­gen habe ich der Auto­rin und Über­set­ze­rin Corinna Wieja gestellt. Zum Arti­kel bitte hier ent­lang: quer­beet gele­sen.

Gastbeitrag von Julia Ritter: „Die Schönheit des falschen Worts”

Texttreff Blogwichteln 2011

Alle Jahre wie­der ver­an­stal­tet mein Netz­werk, der Text­treff, eine Blog­wich­te­lei: Wer mit­macht, schreibt einen Arti­kel für ein frem­des Blog und erhält einen Gast­ar­ti­kel fürs eigene Blog.

Im letz­ten Jahr hatte Sabine Dras­nin gefragt: „Was machen Lek­to­ren eigent­lich?” In die­sem Jahr geht es um „Die Schön­heit des fal­schen Worts” – ein Bei­trag von Julia Rit­ter, die als frei­be­ruf­li­che Tex­te­rin, Auto­rin und Dozen­tin in Ber­lin arbei­tet und lebt. Vie­len Dank, Julia! Und hier ist ihr Gastbeitrag:

Die Schön­heit des fal­schen Worts

Die Auf­gabe von Lek­to­ren ist es unter ande­rem, nicht ganz rich­tige, knapp dane­ben tref­fende, unsau­bere For­mu­lie­run­gen durch ihre makel­lo­sen Ver­wand­ten zu erset­zen. Lek­to­ren haben den nöti­gen Abstand, um lieb gewon­nene sprach­li­che Marot­ten ohne Zau­dern aus­zu­mer­zen. Sie sind Anwälte des Tex­tes, des­sen Inter­es­sen sie auch gegen das Ego des Autors ver­tre­ten. Sie sind die Ver­fech­ter des rich­ti­gen Worts, und das ist gut, denn es macht Texte leser­li­cher und ver­ständ­li­cher und nor­ma­ler­weise auch schöner.

Große Lite­ra­tur durch kleine Tippfehler

Aber manch­mal rutscht auch ein Feh­ler durch, und das kann für Text und Leser eine glück­li­che Fügung sein. Vor kur­zem las ich einen Essay des ame­ri­ka­ni­schen Autors Richard Ford (Der Sport­re­por­ter, Die Lage des Lan­des etc.). Er erwähnte darin einen Lite­ra­tur­kri­ti­ker, der ihn beson­ders für seine ein­falls­rei­chen Adjek­tive lobte, dar­un­ter auch die Wort­schöp­fung „old-eyed“ in dem Satz: „He looked on her in an old-eyed way.“ Ford freute sich über das Lob, musste aber fest­stel­len, dass das geprie­sene neue Adjek­tiv nur ein Über­tra­gungs­feh­ler war. Ursprüng­lich hatte er „cold-eyed“ geschrie­ben, eine weit­aus gän­gi­gere For­mu­lie­rung. Das „c“ war irgend­wann beim Abtip­pen ver­schütt gegan­gen und auch im Lek­to­rat nicht ver­misst worden.

Die Dumm­heit Poe­sie der Technologie

Ein ande­res Bei­spiel, ganz ohne Lek­to­ren­be­tei­li­gung, dafür aber aus mei­nem per­sön­lichs­ten Pri­vat­le­ben: Als ich frisch ver­liebt in mei­nen liebs­ten Freund war – und er in mich – schickte er mir oft SMS-Nachrichten, in denen er mich mit einem eher unge­wöhn­li­chen, aber schö­nen Kose­wort ansprach. Irgend­wann sagte ich ihm, wie sehr ich das mochte. Und siehe da: Das Kose­wort hatte nicht er sich aus­ge­dacht, son­dern die T9-Spracherkennung sei­nes Tele­fons, die wun­der­ba­rer­weise das Nahe­lie­gende durch das Sel­tene ersetzt hatte.

Aus Feh­lern geboren

Auch einige gute Erfin­dun­gen waren eigent­lich Feh­ler. Post-its ver­dan­ken wir der Tat­sa­che, dass einer der Kleb­stoffe, die von der Firma 3M ent­wi­ckelt wur­den, gar nicht rich­tig klebte. Herr Goo­dyear ent­deckte das Vul­ka­ni­sie­ren, weil er Gummi zu nahe an einer Herd­platte lie­gen ließ (oder bei einer ande­ren Hit­ze­quelle, wer es genau wis­sen möchte, muss goo­geln). Der Mikro­wel­len­ofen ist das Ergeb­nis eines Ver­suchs, den ein Strah­len­for­scher mit gänz­lich ande­rer Ziel­set­zung durch­führte (ja, das klingt etwas gru­se­lig). Es gibt noch wei­tere Bei­spiele, die sich nicht so gut in einem kur­zen Satz erklä­ren las­sen, aber in jedem Fall war es so, dass das Neue durch einen Feh­ler in die Welt kam.

Nicht jeder Feh­ler ist der Anfang einer wun­der­ba­ren Schöpfung

In den meis­ten Fäl­len funk­tio­niert das aller­dings nicht. Es ist wie mit den Gen­mu­ta­tio­nen: Die meis­ten brin­gen kei­nen Über­le­bens­vor­teil oder sogar Nach­teile für die mutierte Lebens­form, also ster­ben sie wie­der aus. Und die meis­ten Feh­ler in Tex­ten, lite­ra­ri­schen wie ande­ren, sind keine tol­len Wort­neu­schöp­fun­gen, son­dern füh­ren eher zu Irri­ta­tio­nen, Miss­ver­ständ­nis­sen und Über­druss. Wobei ich mit „Feh­ler“ auch ungüns­tige For­mu­lie­ren, lab­be­rige Satz­kon­strukte und schlam­pig aus­ge­suchte oder über­trie­ben weit her­ge­holte Wör­ter meine. Wie gut also, dass es Lek­to­ren gibt, die sol­che Schwä­chen erken­nen und zum Wohle des Tex­tes und des Lesers ver­bes­sern! Und wer weiß: Viel­leicht sind die guten Feh­ler der ent­spre­chen­den Lek­to­rin gar nicht durch­ge­rutscht, son­dern sie hat ein­fach ihr Poten­zial erkannt.

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Wer mehr von Julia Rit­ter lesen möchte: Sie bloggt über Ber­lin, über Buch­lä­den, Milch­kaf­fee­kunst, Bücher, Graf­fiti und das Schrei­ben: www.juliaritter.com/blog

Einer ihrer Blo­g­ar­ti­kel – von Juli 2012 – wirkt bei mir immer noch nach: In „Viel zu tun” hatte Julia einen Wochen­über­sichts­plan als Down­load ver­schenkt – die­ser Plan zum Aus­dru­cken ist seit­dem nicht mehr von mei­nem Schreib­tisch weg­zu­den­ken, ich kann ihn nur wärms­tens empfehlen!

Napoleon im Briefkasten

Im Okto­ber hatte ich wie­der Hör­buch­post im Brief­kas­ten: das Beleg­ex­em­plar von „Napo­leon und die Völ­ker­schlacht – Ent­schei­dung bei Leip­zig”. Erschie­nen im Zeitbrücke-Verlag: zwei CDs, ca. 135 Minu­ten, zwölf Epi­so­den und wie immer „Kino im Kopf”, unter ande­rem durch Sze­nen aus Berich­ten von Zeit­ge­nos­sen – dem Leip­zi­ger Bür­ger Lud­wig Hus­sel und dem fran­zö­si­schen Sol­da­ten Josef Ber­tha –, durch fil­mi­sche Musik und Geräusch­ku­lis­sen und starke Stim­men wie Tors­ten Münchow, der unter ande­rem Anto­nio Ban­de­ras und Bren­dan Fra­ser syn­chro­ni­siert und für die­ses Hör­buch Haupt­er­zäh­ler war.

Infor­ma­tio­nen zum Hör­buch und Hör­pro­ben: www.zeitbruecke.com